Eine Freundin packt aus: wie Zucker sie süchtig machte!


Huhu da draußen,

heute gibt es von mir mal einen etwas anderen Blogpost, denn es ist mein erstes Interview und ich bin unheimlich stolz darauf. Ich habe mich mit einer, sagen wir "trockenen" Zuckersüchtigen getroffen und durfte ihr einige Fragen stellen, die mich und hoffentlich auch euch brennend interessierten.


Also, erzähl ich gar nicht viel drum herum, sondern fange gleich mal an mit meinen Fragen.

1. Frage:  Du sprichst von dir selbst als "Zuckersüchtige". Kannst du uns kurz erklären, warum du der Ansicht bist, dass du es bist? "Im Grunde kenne ich niemanden, der Süßigkeiten nicht mag. Der eine vielleicht mehr, der andere weniger. Ich gehörte schon als Kind zu denjenigen, die von dem süßen Zeug gar nicht genug bekommen konnten. Den Ruf als Naschkatze hatte ich sicher. Die Vorliebe änderte sich auch im zunehmenden Alter nicht, im Gegenteil. Irgendwann konnte ich mir kaufen was und so viel ich wollte und musste nicht darauf hoffen, dass Mama etwas aus dem Supermarkt mitbringt. Als Zuckersüchtig bezeichne ich mich jetzt, weil ich das Essverhalten nicht so unter Kontrolle habe, wie das wohl die meisten Menschen haben, die gerne Süßes essen. Der Ausdruck Fressen passt eher in mein Konsumverhalten, da es mit Genuss sehr häufig nichts mehr zu tun hatte. Obwohl ich unglaublich viel Zucker aß, hatte ich eine gute Figur. Die Zuckerfressattacken konnte ich immer unterbrechen, wenn die Wage zu sehr nach oben ging. Wenn sich wieder alles einigermaßen eingependelt hat, konnte es weitergehen. Die Unfähigkeit, längere Zeit auf Süßigkeiten zu verzichten, der Kontrollverlust, die verzehrte Masse, vor der ich mich teils selber ekelte, waren Indizien für mich, zuckersüchtig zu sein. Heimliches essen, Verstecke anlegen, nicht rationalisieren können (ein Stück Schoki zum Kaffee? Äää wo ist bitte die ganze Tafel?!?!), Selbstbetrug, die ständige Müdigkeit und der ewige Entschluss, ab morgen alles anders zu machen und vor allem die Selbstvorwürfe nach einer Zuckerfresstour waren die Auslöser, um aus dem Teufelskreis herauszukommen." 2. Frage: Seit wann ist dir bewusst, dass du zuckersüchtig bist und seit wann verzichtest du nun schon auf Zucker? "Im Studium war der Zuckerkonsum schon ekelig, dies wurde mir selber immer bewusster. Aber ich brauchte diese Droge, sonst hätte ich die vielen Nachtschichten nicht überstanden. Irgendetwas musste mich schließlich „glücklich“ machen und mir Energie und Motivation geben. Da der Blutzuckerspiegel dann natürlich irgendwann fiel, wurde nachgelegt. So steckt man dann schnell im Teufelskreis. Als das Studium abgeschlossen war und ich auch im Berufsalltag merkte, dass ich versuchte, Stress mit Zucker zu kompensieren, musste sich etwas ändern. Ich wollte das nicht mehr! Ständig war ich müde, war enttäuscht von mir selbst, dass ich mal wieder versagt habe und rückfällig geworden bin, fühlte mich körperlich unattraktiv und einfach nicht glücklich. Also sitzt man da mit vollgestopftem Wams wie ein Häufchen Elend, weil man sich gerade mal wieder alles Mögliche reingestopft hat. Und was hilft einem? Einfach noch mehr essen, jetzt ist ja eh egal .....! Ich habe zig Zuckerbücher gelesen, weiß also, wie schlecht das weiße Pulver ist und was es in unserem Körper anrichtet. Diese Infos haben auch kurzweilig immer mal wieder geholfen, aber nicht für lange Zeit. Einen starken Willen? Hab ich total! So habe ich zum Beispiel Jahr für Jahr in der Fastenzeit 6,5 Wochen auf Zucker verzichtet. Mit Zucker meine ich hier in dem Beitrag stets offensichtlich raffinierten Zucker: Eis, Schoki, Süßigkeiten, Nutella, Marmelade, Kuchen, Waffeln usw. Ein Vollkornbrot, in dem wohl auch eine Prise Zucker ist oder Fruchtzucker in Obst fällt nicht in meine Definition. Wie fühlte ich mich in den 6,5 Wochen ohne Zucker bzw. nach der Zeit? Verbote machen die Sache natürlich noch spannender und so war es teilweise echt schwierig, nicht an Süßkram zu denken, gar zu essen. Nach den vielen Wochen war ich erst einmal stolz auf mich und habe in den ersten fünf Tagen der fastenfreien Zeit „freiwillig“ weiterhin kein Zucker gegessen. Der Rückfall kam dann aber schnell und der Besuch im Supermarkt war wie der Himmel auf Erden, da auf dem Band so viel von den leckeren Dingen lag, auf die ich doch gute 6 Wochen verzichtet habe. Häufig war es mir an der Kasse auch ein wenig peinlich. Die vielen Zuckerbücher, die gerade auf dem Markt sind machen mich daher auch oft wütend : „Ein neues Leben ohne Zucker nach 28 Tagen“ oder ähnliche Titel sind einfach nur Quatsch, jedenfalls, wenn man ein wirkliches Zuckerproblem hat! Völlig verzweifelt und mit der Erkenntnis, dass ich alleine aus dieser Zuckerfalle nicht herauskomme, wünschte ich mir zu Weihnachten eine Therapie, damit mir jemand hilft. Wie erwartet, lag kein(e) Therapeut(in) unter dem Weihnachtsbaum. Also machte ich mich schlau und therapierte mich sozusagen selber mit Anleitung. Ich verstand plötzlich, dass es auch um meine Gesundheit ging. Grundsätzlich war das jetzt die Erkenntnis des Jahres und meine Lieben lagen mir bezüglich der Gesundheit eh immer in den Ohren. Aber wie das so bei Süchtigen ist, wenn man es von alleine nicht versteht und ändern will, bringt das ganze Gerede nichts. Das Programm war für zunächst 3 Monate ausgelegt mit dem Ziel, für immer auf Zucker zu verzichten. Vor fast 1,5 Jahren habe ich mit diesem Programm angefangen. Unglaublich, das hätte ich mir nie vorstellen können. Nach einem Jahr war ich so stolz, dass ich mir einbildete, „geheilter“ zu sein. Ich brach ein paar kleine Regeln: Im Hotel trank ich z.B. diese tollen Säfte zum Frühstück und auch die kleine Kaffeebohne mit Schokoglasur aß ich plötzlich zum Kaffee. Dann merkte ich immer größeren Gefallen an Alkohol, natürlich süßem Zeug (Hugo usw.). Hier und da eine kleine Ausnahme, schließlich habe ich seit EINEM Jahr kein Zucker gegessen. Plötzlich stand ich vor der Eisdiele mit zwei Kugeln und gönnte mir Mal was, denn ich habe doch jetzt schon soooo lange kein Eis mehr gegessen. 1. War ich total enttäuscht. 2. Merkte ich, da läuft was in eine ganz falsche Richtung. Ein schleichender Rückfall, den ich nie erwartet hätte, weil ich dachte, dass mir die vielen kleinen „Ausnahmen“ nichts ausmachen und mich nicht beeinflussen würden. Falsch, man ist tatsächlich nur eine Eiskugel vom Rückfall entfernt. Und auch jetzt nach 1,5 Jahren gibt es Tage, an denen ich am liebsten ALLES essen will. Dieses Bedürfnis ist für mich ein wunderbares Signal, dass gerade irgendetwas nicht gut bei mir läuft, auch wenn es mir auf den ersten Blick gar nicht bewusst ist. Des Weiteren zeigt es nur erneut, was auch kleine Mengen im Körper für Reaktionen auslösen." 3. Frage: Auf was genau verzichtest du seitdem ? "Ich verzichte wie bereits erwähnt auf offensichtlich raffinierten Zucker. Zum Frühstück nichts Süßes, keinen O-Saft oder Marmelade. Ebenfalls keine Rosinen, da diese einen Rückfall verursachen können. Wenn man sehr gefährdet ist, sollte man auch auf Weizenbrot verzichten. Zu Beginn merkte ich dann schnell, dass ich mich selber austricksen wollte und beobachtete, dass ich sehr viel Obst aß. Obst war schließlich erlaubt, aber natürlich auch nur in Maßen. Manche Vorstellungen machten mir zu Beginn Angst: Nie wieder in meiner Lieblingseisiele ein Eis im Sommer bestellen? Nie wieder den leckeren Apfelkuchen bei den Schwiegereltern sonntags zum Kaffee vernaschen? Dann kam eine Hochzeitseinladung – mein erster Gedanke: die kleinen Gläschen zum Nachtisch mit leckerer Creme ignorieren?! Hochzeitstorte? Heiße Waffeln mit Kirschen? Gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt, Crêpes? Ich verzichte nun auf alles, was mich früher glücklich, letztlich aber so unglücklich gemacht hat." 4. Frage: Was genau hat dir dabei geholfen, das durchzuhalten bzw. hast du vielleicht Tipps und Tricks für ein zuckerarmes/zuckerfreies Leben? "Und so kommen wir schon zu eurer vierten Frage, wie ich es schaffe, das durchzuhalten. Die Frage kann ich hier gar nicht so einfach mal eben beantworten, aber im Wesentlichen geht es darum, im Einklang mit sich selbst zu sein und sich bzw. das Verhältnis zu Zucker zu analysieren. Zucker oder eine andere Droge soll immer etwas kompensieren, so zum Beispiel auch bei Rauchern oder Alkoholikern. Gedanken sollen vernebelt oder betäubt werden. Was soll Zucker bei euch erreichen? Was und warum soll er versüßen? Das sind Fragen, die einen Ansatz bieten, sich mit der Thematik zu beschäftigen – Psychoarbeit – und es hilft! Regelmäßiges und gutes Essen ist natürlich auch unumgänglich, wenn man den vielen Versuchungen widerstehen will. Seit einiger Zeit beschäftige und ernähre ich mich nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), ein spannendes Gebiet. Auch in der TCM ist der Verzehr von Zucker ein absolutes No-Go. Stets satt aus dem Haus gehen und regelmäßig essen, denn wer hungrig ist, greift eher nach den verführerischen Teilchen, die vielleicht im Büro auf dem Tisch liegen." 5. Frage: Und jetzt die Frage, die mich am meisten interessiert. Wie hat dein komplettes Umfeld darauf reagiert, dass du keinen Zucker mehr isst? "Vor der Reaktion meiner Mitmenschen hatte ich mit am meisten Befürchtung. Wie soll man denn in so einer Welt ohne Zucker auskommen ohne schief angeschaut zu werden? Ohne als Freak oder (ess)gestört abgestempelt zu werden? Meinen engsten Freunden habe ich von meiner neuen Therapie erzählt. Sie fanden das toll und sprachen mir Mut zu. Einige haben das so hingenommen und gar nicht kapiert, wovon ich eigentlich rede – so unter dem Motto „alle essen doch gerne Mal Süßes, man darf sich nicht alles verbieten“. Ein paar verkniffen sich ein Schmunzeln – Klappe die 80. – mal wieder ein Antizuckerprojekt. Versuche an Ratten zeigten, dass manche der Tiere nach Zucker süchtig wurden und andere nicht, so ist es auch bei den Menschen. Wer Zucker unter Kontrolle hat, kann schwer bis kaum verstehen, was ich damit meine. Daran habe ich mich gewöhnt. Die Gefahr rückfällig zu werden liegt in der Tat auch in der Gesellschaft begründet. Stellt euch vor ihr seid irgendwo eingeladen und jemand hat extra für euch einen Kuchen gebacken und diese Person erzählt dir völlig freudig, dass sie so gespannt sei, wie er dir schmecke. „Nee danke, ich möchte nicht probieren, ich verzichte auf Zucker“. Zack, und schon ist die Stimmung auf dem Siedepunkt. Es kann eigentlich nur ein richtig lustiger Nachmittag werden * räusper * Vor solchen Szenarien hat man vielleicht Angst, kamen bei mir persönlich aber eigentlich gar nicht vor. Manchmal erzähle ich von meinem „Projekt“, manchmal aber auch nicht. Zu Beginn hatte ich auch die Sorge, dass die Leute mich verurteilen. „Isst nicht, damit sie ja kein Gramm zunimmt“, hörte ich sie alle schon sagen. Die Reaktionen waren teils unterschiedlich und auf verschiedene Generationen zurückzuführen. Gleichaltrige haben dafür eher Verständnis und zeigen sich sogar interessiert. Die Heterogenität nimmt immer mehr zu: Die einen essen kein Schweinefleisch, überhaupt kein Fleisch, vegan, glutenfrei, lactosefrei usw. Da fällt zuckerfrei kaum noch auf. Ältere Menschen hingegen zeigen weniger Verständnis, weil sie einem etwas „Gutes“ wollen. „Früher konnte ich sie immer mit einer Schokoloade glückich machen“, „alle essen Eis und du musst zugucken“, „nur ein bisschen wäre doch gar nicht schlimm“, „das setzt bei dir doch überhaupt nicht an“, „wenn es sich einer leisten kann, dann doch du“, „wie viel willst du denn noch abnehmen“. ES GEHT NICHT UM DIE FIGUR! Nach einem Jahr – also zu Weihnachten – habe ich gemerkt, wie sehr sich auch mein Umfeld auf meine Ernährungsumstellung angepasst hat. Zum Kaffee gibt es für alle Kuchen und für mich Quark mit Obst. Die Waffeln werden nun mit Obst gesüßt und auf Zucker wird verzichtet. Ein Stück Obst ist sowieso immer eine Alternative, falls man auch etwas mitessen möchte. Ansonsten ist z.B. ein toller Cappuccino mein Highlight. Mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt, das habe ich Weihnachten festgestellt. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, wie sich alle angepasst haben. Zu Beginn war es für Freunde und Familie viel schlimmer als für mich. Ich tat ihnen Leid und sie schämten sich zu essen, weil sie dachten, dass es mir dann noch schwerer fällt. Es hat eine Zeit gedauert bis alle verstanden haben, dass jeder das es kann, was er will. Nur die Omi, die kann noch nicht ganz verstehen, warum man denn als so schlankes Mädchen nicht mal auch ein Stück Kuchen essen will ;)" 6.Frage: Was würdest du dir von unserer Gesellschaft bzgl. deines Essverhaltenswünschen? "Ich wünsche mir viel mehr Aufklärung! Denn Zucker ist unser Feind! Wir leben in einer Welt voller Hektik, Stress, Leistungsdruck, Sorgen und und und ...Das Eis am Abend oder die Tafel Schokolade vor dem Fernseher lassen unser Belohnungssystem da schnell mal hell aufleuchten. Das Gift steht in den Regalen und alle greifen freudig zu. Hä? Finde den Fehler! Wie kann so etwas sein? Und wie so häufig geht es immer nur um das Geld. Zig Wissenschaftler arbeiten daran, den Nerv der Menschen genau zu treffen. Nicht zu süß, formgerecht, eine gute Haptik ... alles wird beachtet, damit wir es unwiderstehlich finden. Sie haben Erfolg! Mehr Aufklärung ist erforderlich, um verständlich zu machen, was wir uns antun. Den Kindern in der Schule kann man viel erzählen, wenn die Eltern dies nicht unterstützen. ALLE müssen an einem Strang ziehen. Es geht hier nicht nur um eine gute Figur, es geht um viel mehr. Viele Menschen denken sie ernähren sich gut, weil die Industrie ihnen vorgaukelt, „Gutes“ zu kaufen. Im Grunde kenne ich niemanden, der Süßigkeiten nicht mag. Im Grunde kenne ich (fast) niemanden, der sich wirklich gesund ernährt. Ich finde es toll, dass Fräulein Immersatt dazu beiträgt, dies zu ändern. Eure Seite und Rezepte sind super! Ich hoffe, dass auch ich mit diesem Beitrag die Welt ein kleines bisschen zuckerfreier mache."Klara,34, Lehrerin Danke, liebe Klara, für dieses wahnsinnig tolle Interview. Abschließend bleibt mir eigentlich nur eins zusagen: Ich wünsche mir, dass wir alle etwas offener sind für unser Gegenüber, dass wir uns für ihn interessieren, ohne ihn zu verurteilen oder in eine Schublade zu stecken.  Hinter einer zucherfreien/zuckerarmen Ernährung kann zum Beispiel eben auch etwas anderes stecken als ein Schlankheitswahn, nämlich die eigene Gesundheit. In diesem Sinne, bleib gesund und munter, deine Loreen

© 2019 Fräulein Immersatt

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